Buehnenbild_Foto_Klaus-Frank_Katastrophenschutz.jpg K. Frank/DRK

Erste Hilfe – das kleine Einmaleins der Humanität

Erste Hilfe rettet Leben. Das DRK in NRW tut alles, damit möglichst viele Menschen wissen, was im Notfall zu tun ist. Als einzige Organisation in NRW bietet es flächendeckend – d.h. an jedem Ort – Kurse an und bildete allein im letzten Jahr 280.000 Menschen in Erster Hilfe aus. Es könnten – und sollten - noch viel mehr sein. Damit im Notfall jeder Handgriff sitzt. Stefan Wilms, Leiter der DRK-Landesschule Nordrhein (LANO) erklärt in unserem Interview, was dazu notwendig ist.

Herr Wilms, in Deutschland besitzen über 55 Millionen der rund 80 Millionen Einwohner einen Führerschein. Sie alle haben einen Erste Hilfe-Kurs absolviert. Demnach müsste es in unserem Land doch sehr gut stehen um die Befähigung in Erster Hilfe.
Stefan Wilms: Die Zahlen klingen erst einmal gut. Aber die Kurse liegen oft schon Jahre zurück und jeder weiß, wie schnell man vergisst, was man vor langer Zeit gelernt hat. Wenn es dann tatsächlich darum geht, Erste Hilfe zu leisten, ist man unsicher. Und aus Angst, etwas falsch zu machen, machen viele lieber nichts – außer den Rettungsdienst zu rufen.

Reicht das denn nicht?
Stefan Wilms: Ganz und gar nicht – auch wenn der Rettungsdienst schnell kommt. Der Gesetzgeber in NRW hat dafür feste Hilfsfristen definiert: Im Stadtgebiet muss der Rettungsdienst in 5 bis 8 Minuten, auf dem Land in 8 bis 12 Minuten vor Ort sein.  Aber dann kann es oft schon zu spät sein.
Nehmen wir das Beispiel Herzinfarkt: Jemand bricht vor Ihnen zusammen. Die Atmung setzt aus. Das Herz steht still. Schon nach drei Minuten ohne Sauerstoff fangen die Hirnzellen an, abzusterben.

Was also ist zu tun?
Stefan Wilms: Wichtig ist, das therapiefreie Intervall – also die Zeit, in der keinerlei Hilfe geleistet wird - so kurz wie möglich zu halten. Denn die Chancen einer Wiederbelebung sinken schnell. Sie stehen nach 3 Minuten bei 75%, nach 6 Minuten bei 50, nach 9 Minuten bei 25% und nach 12 Minuten bei 0%.
Deshalb: Schnell den Notruf absetzen, dann sofort den Kopf des Betroffenen überstrecken, sein Herz massieren und eventuell Sauerstoff durch Mund-zu-Mund-Beatmung geben. Das alles ist kein Hexenwerk, sondern ganz einfach. Man kann nichts falsch machen.  Es sind diese einfachen Erste Hilfe-Maßnahmen, die Leben retten.

Eine Auswertung der Daten des Deutschen Reanimationsregisters der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) hat aber gezeigt: In Deutschland beginnen in nur 15 % der Fälle Laien vor Eintreffen des Rettungsdienstes mit Wiederbelebungsmaßnahmen, wie Sie sie gerade geschildert haben. Wie kann man das ändern?

Stefan Wilms: Die Handgriffe müssen in Fleisch und Blut übergehen. Und das gelingt durch regelmäßiges Üben. Das senkt auch die Angst, etwas falsch zu machen. Deshalb treten wir als Rotes Kreuz dafür ein, dass Führerscheininhaber alle zwei Jahre einen Auffrischungskurs besuchen. Das sollte zumindest für alle Berufskraftfahrer - also LKW- und Taxifahrer – gelten. Bei den betrieblichen Ersthelfern in öffentlichen und privaten Unternehmen ist das ja bereits der Fall: Sie müssen alle zwei Jahre eine Erste Hilfe-Fortbildung zur Auffrischung und Vertiefung absolvieren.
Aber wir gehen noch einen Schritt weiter: Wer frühzeitig gelernt hat, anderen Menschen im Notfall schnell helfen zu können, verlernt das nie mehr. Das ist wie mit dem kleinen Einmaleins. Daher fordern wir, Erste Hilfe in die Lehrpläne der Schulen aufzunehmen.

Wie könnte das konkret aussehen?
Stefan Wilms: Wir empfehlen, eine kontinuierliche Ausbildung ab der 7. Klasse. Eine Verknüpfung an mit dem Biologie-Unterricht wäre sinnvoll. Diese Schulungsmaßnahme könnte durch pädagogisch qualifiziertes Lehrpersonal der anerkannten Hilfsorganisationen, das durch das Land gefördert wird, umgesetzt werden. Dabei geht es nicht so sehr um Wissensvermittlung, sondern darum, spielerisch Verhaltensmuster einzuüben.
So würden die Schülerinnen und Schüler frühzeitig die Herz-Lungen-Wiederbelebung erlernen und diese jährlich wiederholen. Sie würden erfahren, was bei kleinen Unfällen zu Hause oder beim Spielen zu tun ist und ihren Eltern und Geschwistern, Freundinnen und Freunden davon erzählen. Dadurch könnten auch diese angeregt werden, einen Erste Hilfe-Kurs zu besuchen. Das wäre der Beginn einer flächendeckenden Ausbildung in Erster Hilfe.

Wäre es nicht sinnvoll, noch früher anzufangen – beispielsweise in Grundschulen und Kindergärten?
Stefan Wilms: Auf jeden Fall. Als Rotes Kreuz sind wir hier ja schon mit Projekten wie „Kinder helfen Kindern“, dem „Juniorhelfer“ oder auch Angeboten wie „Kampi und Puppe Paul“ oder „Théa und Louis – die DRK-Mini-Macher“ unterwegs. Das alles sind Maßnahmen, um Kinder spielerisch an das Thema heranzuführen.

Bei der Anhörung des Ausschusses für Arbeit, Gesundheit und Soziales am 25. Mai waren Sie als begleitender Sachverständiger für das DRK geladen. Wie geht es weiter?
Stefan Wilms: Das Schulministerium hat Vertreter der anerkannten Hilfsorganisationen und andere Akteure zu einem Treffen im September eingeladen, auf dem das Thema Erste Hilfe in Lehrplänen diskutiert werden soll. Das freut mich sehr. Für uns ist allerdings wichtig, dass es dabei nicht nur um Stundenkontingente geht, sondern auch um finanzielle Unterstützung für den personellen und materiellen Aufwand.

Es geht also um Geld …
Stefan Wilms: Es geht um eine gesellschaftspolitische Weichenstellung. Um die Förderung solidarischen Handelns in der Gesellschaft. Denn Erste Hilfe ist mehr als eine Reihe von Hilfstechniken. Sie ist ein wichtiger Teil der Notfallvorsorge und stärkt die soziale Kompetenz. Anders ausgedrückt: Erste Hilfe ist eine ganz einfache humanitäre Leistung: Menschen helfen, denen es schlecht geht.

Das Interview führte Anja Martin.

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